
Unser altes Königsberg
Alte Fassaden und Portale in Königsberg
DerDeutscheOrden,einstinsLandderPrussen gekommen, verband bekanntlich die Mission des Landes mit seiner Kolonisation. Er gründete planmäßig ca. 80 Städte und über 1000 Dörfer.
Als erste Städte entstanden Thorn (1232), dann Kulm (1233), Marienwerder (1234) und Elbing (1247). Königsbergs Gründung datiert aus dem Jahre 1255. Die Besiedlung des Landes mit aus dem westlichen Mutterland herbeiströmenden Siedlern gelang dem Orden deshalb so gut, weil er ihnen günstige Lebensbedingungen und eine umfangreiche Selbstverwaltung zusicherte. Mit der „Kulmer Handfeste” aus dem Jahre 1233, eine Verleihungsurkunde, die mit einem Handschlag zwischen dem Bevollmächtigten des Ordens und einem Vertreter der Siedlergemeinschaft das Versprechen bekräftigte, die Angelegenheiten des Ortes selbst verantworten und regeln zu dürfen, erhielten vom 13.-15. Jahrhundert die Siedler die Erlaubnis, ihren neuen Heimatort selbstzu gestalten, ihren Handel zu organisieren und Handwerke auszuüben, vor allem, sich selbstzu verwalten. Bei der Gründung der Städte, benutzte der Orden oft die von den Prussen besiedelten Plätze oder ließ sich von günstigen Stellen leiten, die z. B. auf einer Anhöhe lagen oder an einem Flusslauf oder an alten Handelswegen. Auch der Gedanke, dass eine Siedlung eines gewissen Schutzes bedarf, bestimmte den Orden bei der Anlegung der Städte. Deshalb wurden viele Städte im Ordensgebiet inVerbindung mit einer Burg errichtet. In Erinnerung an die harten Kämpfe mit den Prussen, ließen die Ordensherren bei dem Bau der Städte nie den Gedanken der Wehrhaftigkeit ihrer Anlagen aus den Augen. Stets galt es sich darauf einzustellen, die neue Stadt gegen Feinde verteidigen zu müssen. In Königsberg hatte man ja die schlimme Erfahrung machen müssen, dass die Prussen 1262 die erste Stadtanlage der Altstadt mit der Nikolaikirche entlang des späteren Steindammes bei einem Aufstand und Überfall zerstörten.
Aus Italien übernahm der Orden die Anlage der Städte: Wenn es die örtliche Lage zuließ wurde ein rechtwinkliges Straßennetz gewählt, das die Städte in mehrere viereckige Baublöcke aufteilte und in der Mitte meist einen ebenfalls viereckigen großen Platz als Marktplatz freiließ. In Königsberg konnte man dieses Netz besonders auf dem Kneiphof erkennen, auf dem die Straßen in der westöstlichen und der nordsüdlichen Richtung verliefen, in der Altstadt verliefen zwei große Straßen in westöstlicher Richtung, die „Altstädtische Langgasse” und die „Altstädtische Bergstraße”, die ein Netz von schmalen Nebenstraßen durchschnitten. Beim kleinen Löbenicht verhinderte die ansteigende Lage ein derartige planmäßiges Vorgehen, man musste sich an die Möglichkeiten halten, die die Hanglage bot. Die Häuser standen in der Regel mit den Giebeln zur Straße. Die ursprüngliche Bauweise war der Fachwerk- oder Blockbau, Holz gab es im waldreichen Preußen genug. Die Dächer waren mit Schindeln, Rohr oder Stroh gedeckt. Die wohlhabenden Bürger des 15. Jahrhunderts gingen daran, sich Backsteinhäuser zu bauen, die Steine dafür wurden oft an Ort und Stelle hergestellt. Auch die Dächer erhielten Ziegel. Bauten mit Natursteinen gab es in Preußen nur selten, da es im Land eigentlich nur Findlingssteine gab. Sie wurden meist für das Fundament benutzt. Der gebrannte Ziegelstein erlaubte ein sicheres und doch gefälliges Bauen. Der Stil der „Norddeutschen Backsteingotik” entwickelte sich im Ordensland zu einer immer höheren Vollkommenheit. Ob Kirchen oder Rathäuser, Türme oder Häuser, Backsteingebäude aller Art beherrschten das Stadtbild in unserer Heimat. Später kamen die Veränderungen in der Renaissancezeit hinzu, dann in der Barockzeit und in der Zeit des Klassizismus.
Das Erdgeschoß war nur 3 Meter hoch. Bei dieser Höhe war der Einbau von Hängegeschossen, wie man sie im heutigen Thorn, das nicht vom Krieg zerstört wurde, in vielen Häusern noch vorfindet, nicht möglich. Das Haus hatte aber noch zwei weitere Geschosse. Natürlich gab es in den drei Stadtkernen Königsbergs noch Reste gotischer Häuser in den Fundamenten und Kellern oder unter verputzten Wänden.
Mit Herzog Albrecht (1490-1568) kamen Baumeister und Künstler nach Königsberg, die in der neuen Residenzstadt die fürstliche Hofhaltung einrichten sollten. Auch eine lange Friedenszeit und ein wachsender Wohlstand führte zu Veränderungen im Hausbau.
Es begann die Epoche der Renaissance. Ein schönes Haus dieser Zeit war das Haus „Altstäd-tischer Markt 15”. Seine Fassade und sein Portal machten dieses mehrgeschossige Haus zu einem richtigen „Hingucker”. Schon der Chronist Caspar Henneberger staunte 1595:
Jetzt entstanden in den Hauptstraßen wie z. B. der Kneiphöfischen Langgasse die uns allen noch aus dem heutigen Danzig bekannten Beischläge. Für Königsberg bezeichnend waren die ein- bis zweigeschossigen Vorbauten an den Beischlägen. Dass es in Königsberg dennoch nicht so viele Häuser aus der Renaissancezeit gab, hängt mit der rasanten Bevölkerungszunahme der Stadt und mit dem verkehrstechnn sehen Fortschritt zusammen. Schon im 19 Jahrhundert wurden diese Häuser in ihrer Mehrzahl durch Neubauten ersetzt. Im Städtischen Museum und auch im Prussia-Museum wurden einzelne Kunstwerke wie Figuren, Schmuck- und Stuckdecken aufbewahrt, die man bei Abbrucharbeiten retten konnte.
Doch einige Renaissance Häuser blieben auch in Königsberg bis in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen erhalten.
Das Haus „Altstädtische Langgasse 23” wurde um 1600 erbaut. Auch dieses Haus hatte eine hohe Diele und dazu noch drei Geschosse. Seine Fassade war reichhaltig mit Friesen, Kopfmasken und Statuen geschmückt. Auch das Portal war aufwendig gestaltet.
Aus der Zeit um 1640 stammte das Haus „Fleischbänkenstraße 35”, das auch wieder ein sehr hohes Erdgeschoß aufwies und dessen Fassade und Portal wunderbar ausgeschmückt waren. Es wurdeeinstals „Stipendiatenhaus” von der Familie von der Groeben erbaut.
Bis zu einem Umbau im 19. Jahrhundert hatte es einen geschmückten Giebel. Die zahlreichen Bildhauerarbeiten auf der Hausfront blieben erhalten. Hauptschmuckstück der Fassade bildete das Portal mit den korinthischen Säulen, dem kreisförmigen Oberlicht und den vielen Statuen, Menschen- und Tierköpfen. Die Hängezapfen auf den Fensterpfeilern gehen auf niederländischen Einfluss zurück. (Bild nächste Seite.)
Ein weiteres Beispiel für die barocke Bauweise war das Haus „Junkerstraße 6”. Dieses Haus wurde 1654 erbaut. Es fiel auf, weil es ein Eckhaus war, nur zwei Geschosse hatte, dafür aber Anbauten. An diesem Haus erkennen wir gut den geschwungenen Giebel und die auf der Spitze aufgesetzte Statue. Im Hof hatte dieses Gebäude einen zweigeschossigen offenen Laubengang. Bekannt wurde es als „Hagensche Hofapotheke” des Apothekers und Kantfreundes Karl Gottfried Hagen. Er schrieb 1778 ein „Lehrbuch der Apothekerkunst”, das vier Auflagen erlebte, wurde Professorder Albertina und gründete den Botanischen Garten.
Aber auch die neuen Straßenzüge nördlich und östlich von den drei alten Stadtteilen boten reichlich Raum für schöne Häuser. Beginnen wir mit dem Zschockschen Stift Neuer Graben 6-8, das nach dem Zweiten Weltkrieg auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost abgebildet wurde. Dieses Gebäude wurde in den Jahren 1752— 1753 als Wohnhaus des Kaufmanns Friedrich Franz Saturgus errichtet. Er und sein Bruder schenkten übrigens dem erkrankten König Friedrich II. Honig aus Königsberg. Das Dankschreiben des Königs ist erhalten geblieben und befindet sich im Archiv des Museums Stadt Königsberg. Später erwarben die Getreidekaufleute Georg und Johannes Zschock das Gebäude. Sie vermachten es ihren drei unverheirateten Schwestern. Diese hinterließen es mit einem weiteren Wohntrakt als Stift der Kaufmannstöchter.
Schöne Fassaden hatten auch die Häuser „Kneiphöfische Langgasse 27” von 1640, das Haus „Vorderroßgarten 39” von 1787 und das Haus in der „Brodbänkenstraße 27/28”, Ecke „Köttelstraße”, ein barockes Wohnhaus, zuletzt eine Filiale der Handelsbank.
In der Stadt standen aber auch die Häuser der adligen Familien, z.B. auf dem Bergplatz 12 das Palais Dönhoff aus dem 18. Jahrhundert. Dieses Stadthaus der Grafen Dönhoff, besaß drei Geschosse, wurde vornehmlich im Winter bewohnt und besaß ein von dem französischen Architekten Mansart (1646-1708) eingeführtes Mansardendach. Es enthielt reich geschnitzte Treppen und Stuckdecken. Auch die Familie von Lehndorff besaß ein Stadtpalais (Roßgärter Markt), die Familie von Eulenburg ein Palais (Königstraße 55), die Familie von Tettau ein Palais (Französische Straße 1), und als „Königshaus” wurde das Palais des Gouverneurs von Königsberg bezeichnet, das Haus des Herzogs Friedrich Ludwig von Holstein- Beck. Diese Häuser waren in der Regel im Stile des Klassizismus erbaut oder umgebaut worden, wiesen außen klare Formen auf, dafür innen aber meist sehr prächtige Treppenhäuser und Holz- oder Stuckdecken.
Schließlich wollen wir auch an das Haus erinnern, in dem einst Immanuel Kant wohnte. Der Philosoph erwarb es 1783 von derWitwedes Porträtmalers Johannes Gottlieb Becker. Der malte den jungen Magister 1768 als er noch im Hause des Buchhändlers Johann Jakob Kanter wohnte. In jenem Haus in der „Prinzessin-Straße 3” hatte Kant einen Hörsaal für die Vorlesungen, in sein Haus lud erseine „Tischgenossen” zu Mittag ein, in diesem Haus verstarb er auch 1804. Der letzte Besitzer des Hauses, das auf seiner Rückseite tiefer lag und am Schlossgraben angrenzte, Bernhard Liedtke, riss 1893 das Haus ab, um sein Ladengeschäft zu erweitern. Diesem Haus widerfuhr das, was mit vielen Häusern früherer Zeitepochen geschah: Sie mussten einem neuen Geschmack oder einer neuen Funktion oder auch Verbreiterungen der Straßen weichen.
Abschließend kann man nur sagen: Schade, dass Königsberg so zerstört wurde. Mit den heutigen hohen Ansprüchen der Denkmalspflege, hätte man viele Häuser früherer Jahrhunderte mit ihren dekorativen Giebeln, reich gestalteten Fassaden und Portalen sicher erhalten können.
Literatur: Karl Hauke / Caspar Stein u. a.
Lorenz Grimoni
Vielen Dank an das Magazin "Konigsberger Burgerbrief" und persönlich an Herrn Grimoni für ihre Arbeit und einen ausgezeichneten Artikel! Original im PDF-Format können mit einem Klick auf das Bild Seite heruntergeladen werden.